Die Jagd nach dem Frieden



In der christlichen Welt gibt es die gute Tradition, jedes Jahr unter einen bestimmten Vers aus der Bibel zu stellen. Wir nennen das Jahreslosung. Es kann spannend sein, ein Jahr unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Für dieses Jahr 2019 lautet die Jahreslosung: “ Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Psalm 34,15.

Vor ein paar Tagen sprach mich eine Person aus meiner Gemeinde an, ich hätte ja über die Jahreslosung gesprochen, warum ich denn nicht eine andere Übersetzung gewählt hätte. Dem Frieden nachjagen, das sei doch so negativ besetzt. Da gäbe es doch auch andere schönere Worte für in anderen Bibelübersetzungen. Jagd? Und Frieden? Passt das überhaupt zusammen?

Abgesehen davon, dass die Bibel uns häufig mit sperrigen Aussagen und Worten provoziert, wähle ich diese Übersetzung sehr bewusst. Ich versuche erst gar nicht dieses Wort „jagen“ mit sanfteren Worten zu umschreiben. Und durch diese Anfrage ist mir noch mal klar geworden, warum es mit dem Frieden in unserer Welt an so vielen Ecken und Enden nicht so richtig klappen will.

Jagen das ist für mich mit echtem Einsatz verbunden. Es ist anstrengend. Es erfordert Tatendrang, Mut und Energie. Man braucht Geduld. Man muss auf der Lauer liegen. „Der Frieden ist ein scheues Tier“ las ich dieser Tage irgendwo.

Jagen, das ist nichts für Faule, die am liebsten auf dem Sofa liegen bleiben. Der Friede liegt nicht einfach so herum, er kommt nicht zu uns indem wir da sitzen und abwarten.

Wenn ich einen ehrlichen wachen Blick auf unsere Welt wage, dann werde ich unglaublich traurig und wütend. Weil es so entsetzlich ungerechte Verhältnisse gibt, die man eigentlich kaum ertragen kann. Es erfordert einiges an Energie und Mut, da überhaupt erstmal hinzuschauen. Auf:

Den Unfrieden in unserer Gesellschaft: Dass Geflüchtete aus größten Nöten, abgewiesen werden, dass es in unserem Land wieder Lager geben soll, in denen sie zusammengepfercht und abgeschottet auf ihr Schicksal warten. Dass es wieder salonfähig geworden ist, Menschen in Not ihrem Schicksal zu überlassen, sie auf dem Mittelmeer absaufen zu lassen weil wir meinen, sie hätten kein Recht dazu hier bei uns Zuflucht zu suchen. Warum sollte es ihnen so gut gehen dürfen wie uns?

Den Unfrieden in der Natur: Wir überfluten die Welt mit unserem Müll. Bis wir selbst darin ersticken. Ich könnte mittlerweile schreien, wenn ich mir die Regale in den Supermärkten ansehe. Dass alles in Plastik verpackt sein muss. Obwohl wir wissen, dass es nie wieder richtig abgebaut werden kann. Obwohl es in Form von Mikroplastik alles durchdringt. Selbst im menschlichen Organismus ist es schon angekommen.

Den Unfrieden mit unseren tierischen Zeitgenossen: Wie kann das sein, dass kleine hilflose Ferkel weiterhin bei vollem Bewusstsein kastriert werden, einfach so. Ich habe neulich ein Video darüber gesehen, ich konnte danach nur heulen. Wie darf das sein, dass Tausende von Küken einfach so bei lebendigem Leib in einen Schredder gesteckt werden? Ungestraft! Lebewesen werden wie Müll behandelt. Sind wir eigentlich noch ganz bei Trost?

Den Unfrieden in unserem alltäglichen Miteinander: Wie viel schlechtes Gerede gibt es hinter dem Rücken, wie wenig Mut, Konflikte direkt anzusprechen, Dinge zu klären? Wie viel shitstorm und wie wenig Respekt gibt es in den sozialen Medien.

Wo bleibt die Menschlichkeit in unserer Welt? Was ist nur aus unserer Welt geworden? Manchmal bin ich wirklich fassungslos.

Die Wenigsten von uns tun diese Dinge ja absichtlich. Wir wollen nicht, dass andere leiden, wir möchten anderen nicht schaden, und ich glaube, wir alle wollen den Frieden.

Aber der Frieden liegt nicht einfach so rum. Auch wenn wir uns das oft so einreden. Uns unsere kleine Welt so basteln als wäre alles ganz wunderbar und friedlich. Der Schein trügt.

Wie es so treffend in den sozialen Netzwerken unlängst am Volkstrauertag wieder gepostet wurde:

„ Es fing nicht mit Gaskammern an. Es fing an mit einer Politik, die von Wir gegen Die sprach. Es fing an mit Hetze und Intoleranz. Es fing an mit der Aberkennung von Grundrechten. Es fing an mit brennenden Häusern. Es fing an mit Menschen, die einfach wegschauten.“

Diese Tendenz in unserer Gesellschaft zum Wegschauen. Zum Dasitzen und Abwarten. Zum Resignieren – weil ich kleine Leuchte doch eh nichts verändern kann – diese Tendenz macht mir ehrlich gesagt am meisten Angst.

Der Frieden ist ein scheues Tier. Und die Jagd danach ist kein Zuckerschlecken. Sie lockt uns aus unserer Komfortzone heraus. Erfordert Mut und Energie, bedeutet manche Einschränkung im persönlichen Leben, fordert uns dazu heraus, manches Mal über unseren eigenen Schatten zu springen.

Aber ich glaube, es ist eine Jagd, die sich lohnen wird. Weil das Ziel echter Friede ist. Nach dem unsere Erde so sehr schreit. Nach dem wir alle uns letztlich so sehr sehnen. Frieden mit uns, mit unseren Mitmenschen, unseren Mitgeschöpfen und unserem Lebensraum, der Natur, die doch die Grundlage ist für unser aller Leben.

Ich will dieses Jahr ganz bewusst im Horizont dieser Jahreslosung sehen. Und mich auf die Jagd machen.

Und ich freu mich über eure Reaktionen, eure Gedanken zu dem Thema. Kritik, Einspruch, Diskussion. Der Friede fängt glaube ich schon da an, wo wir anfangen drüber zu reden. Die Jagd ist eröffnet.

 

2 Kommentare zu „Die Jagd nach dem Frieden

  1. Danke für dein Gedanken!
    „Der Friede ist eine scheues Tier“, trifft es gut & erhellt mir das Wort vom Jagen.
    Mit dem Appell, der dahinter steckt, kann ich was anfangen, zugleich frage ich mich – als jemand der sich schon engagiert – woher kommt die Kraft. In welchen Zuspruch muss dieser Satz gebetet sein, damit mir bei der Jagd nicht die Puste ausgeht?

    P.S.: Bereite gerade eine Predigt für einen Abendgottesdienst zur Jahreslosung vor. Darf ich mir den Gedanken, dass der Friede ein scheues Tier ist, bei dir borgen?

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    1. Danke für dein Feedback Daniel😊Klar du darfst dir alles borgen!Wobei der Ausspruch der Friede ist ein scheues Tier mir auch schon irgendwo anders begegnet ist wie ich geschrieben habe.Ist also nicht ursprünglich von mir…😉Woher die Kraft kommt, ist eine gute Frage…Vielleicht ist da der Kontext des Psalms hilfreich.Vers 5:Als ich den Herrn suchte antwortete er mir und errettete mich aus all meiner Furcht…Vers 7: Als einer im Elend rief hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten…Vers 20: Der Gerechte muss viel erleiden aber aus alledem hilft ihm der Herr.
      Und was ich in meinem Hygge-Beitrag geschrieben habe hilft hier ja auch: Gott schenkt uns sehr viel Schönes, das wir genießen dürfen und sollen!Das hilft uns aufzutanken um dann immer wieder raus zu gehen und die Probleme anzupacken.Soweit meine spontanen Ideen dazu😉

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