Das Weizenkorn muss sterben

Ich bin in den 80er Jahren geboren. Ich durfte in Frieden und Sicherheit aufwachsen. Und noch dazu in einem der reichsten Länder der Welt. Für mich war immer selbstverständlich, was für viele Menschen auf der Welt nicht selbstverständlich ist. Geschichten von Krieg, Hunger, Entbehrungen kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Großeltern und aus den Bildern im Fernsehen. Das war irgendwie immer weit weg. Auch wenn ich rational immer wusste, dass es natürlich ein Privileg ist, so zu leben wie wir und alles andere als selbstverständlich.

Seit einer Woche fühlt sich alles anders an.

Noch vor einer Woche hätte ich nicht wirklich für möglich gehalten, dass es einmal tatsächlich zu einer solchen Situation in unserem Land kommen würde.

Und ja, ich gebe zu es macht mir Angst. Es ist unheimlich, die Straßen plötzlich so gespenstisch leer zu erleben. Es ist befremdlich beim Einkaufen auf einmal Türsteher vor dem Drogeriemarkt zu sehen. Und die Atmosphäre unter den Menschen – sie hat sich in nur einer Woche so drastisch und spürbar verändert. Man weicht einander aus, in den Gesichtern steht die Furcht. Die Bilder aus Italien von all den Särgen machen mir Angst. Ich frage mich: Von welchen uns teuren und kostbaren Menschen werden wir uns in der nächsten Zeit verabschieden müssen? Welche Zukunft haben meine Kinder vor sich? Denn es wird immer deutlicher, dass außer der Coronakrise noch ganz andere Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen werden.

Ist das Ende der Welt nahe? Haben wir überhaupt noch Hoffnung? Wird nicht die ganze Weltwirtschaft und alles was wir uns erarbeitet haben zugrunde gehen? Und was ist dann? Ist die Welt nicht ohnehin dem Untergang geweiht? Der Klimawandel ist ja auch nicht mehr zu stoppen. Gehen wir nicht alle auf das Ende zu? Werden wenn nicht wir, unsere Kinder und spätestens unsere Enkelkinder vielleicht zu der letzten Generation dieser Erde gehören?Welches Leid werden sie erleben müssen?

All solche Gedanken können einem kommen, wenn der Boden unter den Füßen wankt.

Die Verunsicherungen und die Angst in der Bevölkerung sind groß in diesen Tagen. Viele fürchten um ihre Existenz. Wie sollen all die wirtschaftlichen Verluste denn jemals aufgefangen werden?

„In der Welt habt ihr Angst“ sagt Jesus in Joh 16,33. Und er weiß wovon er spricht. Hat er selbst doch Blut und Wasser geschwitzt in der Furcht vor seinem eigenen Tod.

Er gesteht uns diese Angst erst mal zu. Auch ich als gläubige Christin, ja als Pfarrerin darf Angst haben. Es ist normal in dieser Welt Angst zu haben. Der christliche Glaube ist nicht immer so stark, dass wir keine Angst mehr hätten. Ich glaube, wir machen uns etwas vor, wenn wir das wirklich glaubten.

Die Angst wird uns zugestanden. Jesus nimmt uns ernst mit unseren Ängsten und Sorgen. Dabei erstmal stehen zu bleiben ist wichtig. Und gerade das macht den Glauben für mich auch so alltagsnah. 

Vielleicht ist es kein Zufall, dass all das gerade in der Passionszeit passiert.  Wir gehen ganz bewusst den Leidensweg Jesu mit. Vielleicht fiel es uns noch nie so leicht wie in diesen Tagen, uns da hinein zu versetzen. Vielleicht habe ich die Passionszeit noch nie zuvor so bewusst und intensiv erlebt wie dieses Jahr. 

Der morgige Sonntag trägt bei uns in der Kirchensprache den Namen „Lätare“. Das heißt: „Freut euch – allem Leiden zum Trotz!“ Der Sonntag Lätare gilt als ein kleines Osterfest mitten in der Passionszeit. Freuen? Warum? Weil schon im Sterben das Leben inbegriffen ist. Jesus wählt ein plastisches Bild dafür: Nur das Samenkorn, das in die Erde fällt und sterben muss, bringt neue Frucht. (Joh 12,24)

Heute morgen las ich in der Zeitung einen Artikel von dem Zukunftsforscher Matthias Horx, eine Rückwärtsprognose über die Welt nach Corona. Er ist sich sicher, dass die Welt nach der Coronakrise eine andere sein wird. Und ich kann seinen Gedanken viel abgewinnen. Ich habe in diesen Tagen auch schon häufiger gedacht: Diese Welt wird jetzt einfach mal so richtig ausgebremst. Das hat doch auch was Gutes. Das brauchten wir doch eigentlich auch dringend mal. Dass dieser ganze Wahnsinn von immer schneller und höher und weiter gestoppt wird. Dass dieser Glaube an ein unendliches wirtschaftliches Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste endlich mal ernsthaft in Frage gestellt wird. Wir können nicht auf ewig so weitermachen. Das ist doch spätestens seit Greta Thunbergs Auftreten auch mehr und mehr in den Köpfen der Menschen angekommen.

Vielleicht musste dieses Virus kommen, damit wir jetzt endlich einmal ernsthaft ins Nachdenken kommen. In jeder Krise steckt auch eine Chance. Und es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Welt nach Corona eine Bessere sein wird.

Im Kleinen zeigt sich das schon jetzt: Trotz körperlicher Distanz rücken wir näher zusammen. Wir teilen plötzlich als gesamte Familie Mensch ein gemeinsames Schicksal, haben einen gemeinsamen Feind. Und das schweißt auch irgendwie zusammen. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft nimmt zu. Wie viele tolle Initiativen entstehen gerade. Vielleicht hat Matthias Horx ja tatsächlich Recht mit seiner Beobachtung und Prognose: „Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt `endet`, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren. Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse sondern ein Neuanfang.“  

Vielleicht werden wir ja erleben, dass nach dieser Zeit die rechte Gewalt abnehmen wird, weil klar geworden ist, dass diejenigen, die gegeneinander aufhetzen in der Krise nichts beizusteuern haben.

Dass das Problem des Klimawandels entschlossener angegangen wird, weil wir vor Augen haben wie sehr die Natur aufatmet wenn das öffentliche Leben zum Erliegen kommt.

Dass wir alltägliche Dinge wie Einkaufen und im Café sitzen nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen sondern es viel bewusster und als ein Geschenk genießen können.

Dass es sich lohnt das eigene Leben zu entschleunigen und sich nicht dem Leistungsdruck der Gesellschaft zu unterwerfen…

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt bleibt es allein; wenn es aber erstirbt bringt es viel Frucht.“ Joh 12,24

Noch einmal in den Worten des Zukunftsforschers: „Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden. System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft.“

Ich persönlich habe mich entschlossen, meine Ängste wahrzunehmen und zu akzeptieren. Aber ich will mein Leben nicht komplett davon bestimmen lassen. Ich will der Hoffnung weiter Raum geben. Ich will auch den zweiten Satz ernst nehmen, den Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden.

Jesus hat all das durchgemacht, was wir in unserem Leben durchmachen müssen. Aber er hat einen Weg da heraus gefunden. Und uns durch sein Sterben und seine Auferstehung einen Weg eröffnet, der dort hinausführt. Irgendwann werden wir das erleben. In einem neuen Leben, in einer neuen Welt, die Gott schaffen wird. In der kein Leid, kein Tod und Geschrei mehr sein wird (Offb. 21) Denn irgendwann wird er alles neu machen, ja. 

Aber das ist keine reine Vertröstung für mich auf das Jenseits. Sondern diese Hoffnung strahlt auch schon in mein heutiges Leben hinein. Und diese Hoffnung hat auch für diese irdische Welt eine Bedeutung. Ich habe diese Welt noch nicht aufgegeben. Lasst uns diese Krise in all der Angst und Besorgnis, die sie mit sich bringt, auch als eine Chance begreifen. Und lasst uns den Trost des Wochenspruchs vom Weizenkorn jetzt erst einmal mit in die nächste Woche nehmen. 

Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.

Was sind eure Gedanken in diesen Tagen? Gern könnt ihr mir eure Kommentare unter diesem Artikel hinterlassen. Ich freue mich wenn wir miteinander ins Gespräch kommen und uns in dieser Zeit gegenseitig ermutigen!

3 Kommentare zu „Das Weizenkorn muss sterben

  1. Liebe Frau Ahl,

    Danke für die Gedanken, die Sie uns geschrieben haben. Als ich als junger Mensch vor einer Prüfungssituation stand – kein wirkliches Problem – , schickte mir meine Mutter einen Zettel – gedruckt und nicht schön – mit dem Text: „Lass den morgenden Tag sein, wie er will. Gott ist auch der Gott des morgigen Tages.“ Den Zettel habe ich bis heute, ca. 60 Jahre lang, verwahrt.

    Der Satz vermittelt Zuversicht, heißt aber auch, dass wir Gottes Willen aus Liebe zu ihm tun sollen, den uns Jesus vermittelt hat. Es geht nicht um theologische Wissenschaft, sondern um praktisches, liebevolles Tun. Vielleicht lernt das „christliche Abendland“ noch, wenn es in Zukunft an die „Dritte Welt“ denkt.

    Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich, dass sie alle in ihrem Leben immer wieder Gottes Segen spüren.

    Herzliche Grüße sendet

    Goddert Ulmke.

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  2. Liebe Runa,
    danke für diese wunderbaren Worte. Besonders berührend war für mich die Erinnerung an meinen eigenen Konfirmationsspruch (Joh. 16,33), den ich mir zurzeit wohl wieder öfter selbst sagen sollte.
    Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und Gesundheit in dieser schweren Zeit.
    Liebe Grüße sendet
    Mirjam

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  3. Liebe Runa, vielen Dank für deine Worte voll Hoffnung und Trost.
    Ich freue mich schon jetzt auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen mit vielen lieben Freunden und ich hoffe ganz Stark, dass wir zukünftige Treffen viel mehr genießen können und es nicht als Selbstverständlich nehmen. Dass wir Dankbar sind, für alles was wir haben , besonders für sonst solche Kleinigkeiten, wie Freunde treffen, sich umarmen!

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